Thursday, February 21, 2008

WIR SIND NOCH NICHT DORT


Ein Gespräch mit Filmemacher Todd Haynes über I’m Not There

von

Jessie Emkic


Nachdem Todd Haynes als Filmemacher mit Velvet Goldmine (1998) und Far From Heaven (2002) internationale Erfolge feierte, waren die Hoffnungen für seinen neuesten Film I’m Not There außergewönlich groß. Dieser Film der an Finanzierungsschwierigkeiten fast scheiterte, erreichte bald nach seiner Premiere in Venedig den Kultstatus. I’m Not There war von Anfang an nicht vorbestimmt ein Mainstream-Film zu werden, sondern eine eklektische Odyssee durch das Leben und die Person von Bob Dylan, einer der kontroversesten Berühmtheiten der jüngsten Vergangenheit. Dylan war Poet, Rebell, Menschenrechtler und wiedergeborener Christ innerhalb der Pfingstgemeinde - ein wahrhafter Chamäleon der amerikanischen Folkmusik. Um solche komplexe menschliche Eigenarten auf Zelluloid darstellen zu können, hob Haynes seinen Film auf ein anderes kinematografisches Niveau: er schuf eine mehrschichtige Konstruktion und Dekonstruktion der Person von Bob Dylan indem er sechs parallellaufende Geschichten aus Dylans Leben verwendete. In jeder dieser Geschichten wird die Hauptfigur von einer anderen SchauspielerIn dargestellt: Neben Christian Bale, Heath Ledger, Richard Gere, Marcus Carl Franklin und Ben Whishaw ist Cate Blanchett in der Rolle von Jude zu sehen. Jude ist Dylan im Jahre 1966 – maßlos talentiert, feminin, drogenabhängig und weltberühmt. Zu behaupten Blanchett würde Dylan in seiner ’66 Phase einfach spielen, wäre eine unangemessene Untertreibung: Im I’m Not There hört Blanchett buchstäblich auf sie selbst zu sein und verwandelt sich in Dylan. Sie sieht aus wie Dylan, sie spricht wie Dylan, sie gestikuliert wie Dylan; und sie schafft es die Matarmophose von Schauspielerin Cate Blanchett zum Menschen Bob Dylan Schritt für Schritt vollkommen durchzulaufen. Das Resultat ist eine famose, haarsträubende Leistung wie man sie nur im raren, wahrhaft magischen Momenten des großen Kinos sieht. Für die Rolle von Jude wurde sie bereits für den Golden Globe nominiert; ein Sieg wäre keine Überraschung.
Kontrovers, umstritten und bejubelt – Todd Haynes, der aus seiner Homosexualität nie ein Geheimnis machte, gilt als einer der ersten Regisseure der “New Queer Cinema”-Bewegung.
Er ist bekannt für seine Fähigkeit den Kunstfilm mit Mainstream elegant und geschmeidig zu verbinden. Anschläge sprach mit ihm über I’m Not There und die beste Rollenbesetzung des Jahres 2007.

Anschläge: Was brachte dich auf die Idee die Rolle von Bob Dylan mit einer Frau zu besetzen, insbesondere mit Cate Blanchett?

Haynes: Beide Seiten der Idee waren für mich ziemlich offensichtlich als ich anfing Dylan wie er 1966 war, wirklich zu sehen – die Art wie er aussah und sich bewegte, wie er gestikulierte, und die Art wie authentisch dieses Geschöpf von diesem Augenblick an wirkte. Es war nicht der Dylan aus der Don’t Look Back-Phase ein Jahr zuvor, aber auch nicht der Dylan ein Jahr später 1967 in Woodstock wo er alles hinschmiss. Er war dieses absolut rares Geschöpf welches bis zum diesen Zeitpunkt in der Pop-Kultur gar nicht erblickt wurde. Er war androgyn, aber nicht im Stil von Bowie, wie Bowie sich öffentlich zeigte. Er war fast so wie Patti Smith 10 Jahre später sein würde. Ich wollte daher das Gefühl und die Einzigartigkeit die beim ursprünglichen Schockwert enstanden ist, wieder zum Leben erwecken, und dachte die Rolle sollte von einer Frau gespielt werden. Alsbald ich mich auf die Suche nach den besten Schauspielerinnen gemacht habe, war es nicht schwer mich für Cate zu entscheiden. Ich befand mich gerade im Prozess der Fotoaufnahmen vieler verschiedener Schauspielerinnen und Tanya, meine Schwester faxte mir die schwarz-weißen Aufnahmen die ich dann bemalte und zum Jude, der Figur machte. Ich habe sie alle in den Dylan 1966 umgewandelt um zu sehen welche der Schauspielerinnen am besten aussieht. Viele von ihnen sahen ziemlich gut aus. Und dann, nachdem ich Cate das Drehbuch geschickt habe, machten wir ihr ein Angebot. Sie war sehr interessiert, sagte mir jedoch später, sie verfiehl völlig in Panik. Sie hatte irgendwie halbwegs zugesagt und wir fingen an ihren Namen zu verwenden. Ich sah sie erst ein Jahr später in Brooklyn während sie mit ihrem Ehemann Andrew auf der Bühne von Hedda Gabler herum ging. In einem Moment schaute sie über die Bühne und ich dachte “Oh, mein Gott, das wird unheimlich!” Es war genau dort auf der Bühne von Hedda Gabler als sie sich schließlich zu Andrew drehte und sagte “Also, Andrew, ich habe mich entschieden. Ich werde es machen!” Und ich sagte nur “Was??” (lacht). Und ja, es war unglablich. Es war einfach unglaublich mit all den SchauspielerInnen zu arbeiten, sie gaben so viel von sich. Sie alle haben die Arbeit sehr ernst genommen und waren für das Abenteuer und die Herausforderung offen. Aber sie hatten auch Panik bekommen...

Anschläge: Basierte deine Entscheidung Blanchett auszuwählen nur auf der Überlegung es sei das beste für das Projekt oder warst du auch daran interessiert mit dem Gender zu spielen durch die Erforschung der femininen Maskulinität?

Haynes: Ich halte den Dylan nicht wirklich für feminin, aber ich denke schon, dass er alle Arten von maskulinen Leitbildern ablehnte, und ich glaube das war ein Teil seiner Verwischung. Zu dieser Zeit hatte jeder in New York eine Art von “Cool Look” und alle waren auf Speed und magerten ab. Es gab eine Art von “Underground Coolness” indem man ein wenig Gay aussah als ob man in der Factory-Szene von Warhol unterwegs war, und das war im Dylans Lager weniger gängig. Aber ich glaube Dylan hat das selbst verstanden. Er prahlte damit in seinen Zitaten aus 1966 wie er das Phänomen von männlich-weiblich durchsah. Er war cool damit. Er liebte auch Allen Ginsberg, fühlte sich durch Ginsbergs Homosexualität völlig unbedroht und war wahrscheinlich in ihm verknallt. Man hört auch Geschichten darüber wie Dylan süße Musiker anmachte. Er selbst gab zu 1961 auf den Strich gegangen zu sein als er das erste mal nach New York kam. Als er als Christ 1980 wiedergeboren wurde machte er schockierend homophobe Aussagen. Er lebte jede seiner Geisteshaltungen zur bestimmten Zeit völlig aus, legte sie jedoch auch ab.


I’m Not There Kinostart Deutschland: 28. Februar 2008; Kinostart Österreich: 29. Februar 2008

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